Kilbi Festival – Day 2

Unkonventionelle Klänge am zweiten Kilbi-Tag

Würde man in einem Lexikon nach „der perfekte Festivaltag“ suchen, ja, dann könnte dort durchaus „Zweiter Tag der Kilbi Bad Bonn 2012“ stehen. Strahlender Sonnenschein, buntes Festivaltreiben und ein musikalisches Programm der Extra-Klasse machten den Freitag in Düdigen zu einem Traumtag für Openair-Freunde. Obwohl an diesem zweiten Festivaltag auf den ersten Blick mehr Besucher als am Donnerstag den Weg ins Senslerland gefunden hatten, blieb die Stimmung auf dem Bad Bonner Gelände gemütlich und entspannt. Ja, dieser Charme macht es eben aus, dass das Festival nach wie vor als Insidertipp gilt und sich von den grossen Schweizer Musikevents abhebt.

Abheben konnten die Besucher an diesem zweiten Kilbi-Tag auch auf musikalische Art und Weise. Sphärische Klänge kombiniert mit wuchtigen Schlagzeugbeats entführen die Zuhörer bei MOONFACE in einer andere Welt. Die Band um Spencer Krug zeigte, dass man auch ohne grosses „Tam-Tam“ Musik machen kann, die unter die Haut geht. Unkonventionell sind auch die Hamburger Jungs von STATION 17. Unter dem Motto „Mental Handicap Ain’t No Freakshow“ wurde den Festivalgästen eine Band präsentiert, die eben auf anderen Schweizer Festivals kaum ins Konzept gepasst hätte. Erfrischend und unverhüllt mischt das Kollektiv aus Musikern mit und ohne Behinderung rockige Harmonien mit Elektro-Pop-Rhythmen.

Der Freitag war aber auch der Tag der grossen Namen und reifen Herren. LEE SCRATCH PERRY gilt nicht umsonst als „Godfahter of Dub“. Der 76-jährige Produzent und Musiker fühlt sich offensichtlich in der Schweiz wohl, so lebt er seit geraumer Zeit in Einsiedeln. Und auch auf der Düdinger Bühne legte er eine exzentrische Show ab, die durch nicht ganz jugendfreie Songtexte im wahrhaften Dub-Chaos gipfelte. Fast so lange im Geschäft aber auch noch voller Enthusiasmus betrat gleich danach mit DIETER MEIER eine Schweizer Bekanntheit die Bühne. Der Konzeptkünstler von Yello produziert zwar seit neustem statt eingängigen Melodien und experimentellen Videos saftiges Rindfleisch und argentinischen Wein. Aber dass der Charakterkopf aus Zürich seine musikalischen Wurzeln noch tief in der kreativen Erde vergraben hat, beweist er mit seinem aktuellen Projekt „Out of Chaos“. Mythische Sprechgesänge schweben über akustische Folk- und Bluesklänge der Jazzband, wobei Meiers unverkennbare Stimme den letzten Schliff gibt. Gedämpft wurde die beflügelnde Darbietung höchstens durch den fehl am Platz wirkenden Notenständer mit Meiers Text-Spick. Doch dies können wir dem sympathischen Schnauzträger und Meilenstein der Schweizer Musikgeschichte leicht verzeihen, brachte er doch einen Ohrenschmaus der Superlative nach Düdingen.

Je länger der Abend wurde, desto komprimierter wurden die Klänge. So verzichtet der „Swiss Groover“ DIMLITE auf ausschweifende Worte und überzeugt mit dem Motto „Fuller! Faster! Brighter!“. Die dritte Bühne im Hausinnern vibrierte und war bis in die hinterste Ecke besetzt mit aufgedrehten Elektrotänzern. Als Highlight des zweiten Kilbi-Tags könnte man definitiv auch die Darbietung der britischen METRONOMY bezeichnen. Die Band um Joseph Mount erlangte 2008 weltweite Berühmtheit, sie schaffte aber den Spagat zwischen dem Hype-Business und ihrer musikalischen Tradition. Und genau diese Bodenständigkeit spürt man bei ihrem ohrwurmpotentiellen Indie-Pop, der wunderbar zur Bad Bonner Sommerstimmung passte. Die Spezialität der wilden und doch verzauberten Show macht die energiegeladene Schlagzeugerin aus, die gelegentlich zur charismatischen Sängerin mutiert.

Bevor sich die ausgelassene Festivalschar dann spätabends auf den Weg zum nächsten Shuttle-Bus – oder je nachdem auch einfach ins nächste Zelt – machte, wurde noch mit letzter Energie zu Ehren von ELEKTRO GUZZI getanzt. Die Österreicher brillieren mit akustischem Techno und geben wahrhaft Vollgas. Eine geballte Stunde wummerte ein Intermezzo von mächtigen Bassläufen, zarten Gitarrenklängen und mechanischen Schlagzeugbeats durchs Kilbi-Zelt und bewies bis spät in die Nacht, dass elektronische Musik – akustisch gespielt –  einen ganz speziellen Reiz ausmacht.

- Fiona Endres | Photos: François Gendre -

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